Über die  Gottähnlichkeit von Psychotherapeuten

 

Vorwort

 

Anlass meines Vortrags ist der 11. September 2001, der verdammt nachdenklich gemacht hat, und diese Nachdenklichkeit hält an.

 

(Die Nachdenklichkeit wird durch meine Empörung ergänzt, dass sich morgen, am 25.2. 2003, zum 200. mal der Reichsdeputationshauptschluss jährt, der vorschreibt, dass wir alle (mit oder ohne Konfession) u.a. heute noch die Bezüge der Bischöfe zu zahlen haben, und dass Bush im Namen Gottes einen Krieg anzettelt, den wir auch alle bezahlen müssen.)

 

Was hat das miteinander zu tun?...

 

Urs Luedi fragte mich nach dem Terroranschlag nach den Konsequenzen. „Was können wir tun?“

Meine spontane Antwort: Aufklärung! Dieses kurze Gespräch habe ich für mich weitergeführt und mich mit meinen Werten beschäftigt, besonders mit Werten, die konfligieren.

       

Es ist eine Gradwanderung geworden zwischen Toleranz, die einen hohen Stellenwert für mich als Humanisten, Liberalen und Intellektuellen hat (ich komme darauf zurück), und der moralischen Verpflichtung, für Menschlichkeit, Autonomie, Nächstenliebe und Aufklärung (Vernunft, Intellektualität) einzutreten. Toleranz und moralischer Auftrag, das kann sich beißen.

Was ist Aufklärung?

 

Ich habe nachgelesen:

Das Zeitalter der Aufklärung ist das 18. Jahrhundert.

Vertreter: Kant (Beginn des deutschen Idealismus), Hobbes, Lock, Hume, Newton, Voltaire, Lessing.

Anfänge bereits in der Reformation und Renaissance.

Idee: „Vernunft ist das Wesen des Menschen.“

Wesentlicher Grundzug: "Tendenz zur wissenschaftlichen Einstellung und zu tatbereiter Reformlust."

Überzeugung: „Alle Menschen sind im Grunde gleich, vernünftig und gut.“

Bleibende Leistung der Aufklärung: „Humanisierung des sozialen und kulturellen Lebens.“

Wirkung in die Gegenwart: "liegt in der vernünftigen Planbarkeit und Rationalisierung, auch in der Anerkennung der Menschenwürde und der Gleichheit aller Menschen."

Ergebnis: "Die Aufklärung trug Elemente der Säkularisation tief ins Volk hinein", es kommt zur Trennung von Kirche und Staat (Laizismus).

 

Auf diese Trennung will ich hinaus. Hier liegt das Problem, von dem ich ausging: der Islamismus trennt nicht zwischen Kirche und Staat, sie fordern den Gottesstaat. Das Christentum hat diese Trennung weitgehend geschafft (Dorn im Auge ist z.B. das Kreuz in Amtsstuben, Konkordatslehrstühle in meiner Fakultät, staatlich eingezogenen Kirchensteuer, Alimentierung der Bischöfe).

 

Der Islam mit seinen Fundamentalisten steht dazu im Gegensatz. Mohammed ist etwa 570 Jahre jünger als Jesus, das Abendland ist etwa 400 Jahre weiter, aufgeklärter, reifer. Nur Atatürk hat sich westlich orientiert und die laizistische Türkei geschaffen. Ansonsten besteht die islamistische Welt auf der Einheit von Kirche und Staat. Aber jede Verschmelzung von Kirche und Staat birgt den Keim von Intoleranz in sich. Die Geschichte des Christentums belegt das eindrücklich.

 

Was heißt es, ein Intellektueller zu sein?

 

Den Auftrag zur Aufklärung haben heute die Intellektuellen. Ihre Aufgabe ist es, mit Mitteln der Vernunft Menschlichkeit zu fordern (und zu praktizieren). Der Intellektuelle unterscheidet sich vom Wissenschaftler dadurch, dass für ihn wissenschaftliche Erkenntnisse nicht Selbstzweck sind, sondern bewertet werden nach den Kriterien der Aufklärung: individuelle Freiheit, soziale Gerechtigkeit und weltweite Menschlichkeit. Vorherrschendes Selbstverständnis ist die Skepsis gegenüber herkömmlichen Autoritäten und die Suche nach rational begründeten Einsichten.

 

Ich verstehe mich sowohl als Wissenschaftler als auch als Intellektueller: Ich trage wissenschaftliche Erkenntnis als Professor und Psychotherapeut in die Gesellschaft und bewerte das.

 

Dabei besteht ein Wertekonflikt zwischen der Toleranz (individuelle Freiheit auch für die Ideen des Gegenübers, Wertfreiheit des Wissens) und der Deklaration des für richtig Gehaltenen (Aufklärung, Intellektualität).

 

In der Psychotherapie ist der Unterschied klar, er besteht zwischen Handeln und Fühlen. Alle Gefühle sind gerechtfertigt und verstehbar, sie haben einen guten Grund. Insofern sind sie nicht zu verantworten, sie geschehen organismisch. Zu verantworten sind jedoch alle Handlungsweisen, auch wenn sie aus verstehbaren, „richtigen“ Gefühlen stammen. So ist eine mörderische Wut durchaus wertzuschätzen, nicht aber irgend eine Art der Gewaltanwendung. Alles verstehen heißt noch nicht, alles verzeihen. Die individuelle Freiheit bezieht sich auf Denken ("Die Gedanken sind frei!") und Fühlen; das Handeln unterliegt jedoch dem Kriterium der sozialen Gerechtigkeit.

 

Was heißt es, ein Humanist zu sein?

 

Der Humanismus verfeinerte die Gedanken der Aufklärung zugunsten der Menschlichkeit, die noch über Vernunft und Naturwissenschaft gesetzt wird. So ist die Humanistische Psychologie die Überwindung der rein naturwissenschaftlichen Psychologie zugunsten humanitärer Werte. (Humanitas: „vollentfaltete edle Menschlichkeit, die sich in Teilnahme und Hilfsbereitschaft für den Mitmenschen, in Verständnis und Duldsamkeit für seine Lebensform äußert.“)

 

Damit ist der Humanismus (neben der Phänomenologie und dem Existenzialismus) die grundlegende philosophische Idee der Humanistischen Psychologie, deren Vertreter ich bin.

 

Warum verstehe ich mich als Christ?

 

Ich bin Christ, weil ich mich der Geschichte des christlichen Abendlandes verpflichtet fühle (und damit auch verantwortlich für die dunkle Seite unserer Geschichte). Die jüdische und islamische Welt ist mir fremd. Ich betrachte das Christentum ideengeschichtlich, nicht als Gläubiger. Ein Gottesglaube, obgleich getauft, ist mir fern. Bisher habe ich mich dafür geschämt, es schien unmoralisch, ungläubig zu sein. Heute stehe ich dazu. Es ist zu viel Unrecht im Namen Gottes geschehen, und deswegen bekenne ich mich als Agnostiker und als Atheist. Das ist meine Religion: religio, d.h. wörtlich Skepsis, Bedenken, Sorge. Dieses Bekenntnis erfordert ein waches Auge auf Phänomene der Toleranz.

 

Bisher bewertete ich das Kriterium der Toleranz uneingeschränkt positiv. Aber heute sind Grenzen der Toleranz erreicht. Ich empfinde darüber etwas Beschämung, da hier auch Feigheit (eine Ohnemichel-Mentalität) ein Motiv sein kann. Es ist schwach, wenn Werte verletzt werden, die ich hochhalte, ich aber zu feige bin, diesen Werteverletzungen entgegen zu treten. So gilt das Wort Goethes: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Ich beleidige, indem ich den anderen nicht für voll nehme, wenn ich ihm seine Dummheiten, die Prinzipien der Menschlichkeit verletzen, durchgehen lasse.

 

Emil Gött formuliert schärfer: "Duldung ist nicht genug, sondern zu wenig oder zu viel: Entweder haben wir zu unterdrücken oder zu pflegen. Dulden ist eine Auskunft des Unentschiedenen, Feigen und Schwachen."

 

Ich will nicht feige sein. Ich will als Intellektueller zur Idee der Aufklärung beitragen. Mit Hinweis auf die Tat vom 11. September 2001, die im Namen Gottes verübt wurde, trete ich für die Trennung von Kirche und Staat ein, die nicht einmal in Deutschland vollendet ist, und wie wir sehen, in den USA rückläufig zu sein scheint. Der Krieg gegen den Irak soll im Namen Gottes geführt werden, wie der Terror am 11. September. Diese Entwicklung macht mir Angst.

 

Und sie empört mich!, so z.B. Bush’s Ausspruch: „Gott hat uns aufgerufen, unser Land zu verteidigen und die Welt zum Frieden aufzurufen.“ Das ist ein Aufruf zum Kreuzzug, als ob wir aus der Geschichte nichts gelernt hätten.

 

Die Berufung auf eine höchste Instanz ist mir höchst verdächtig, zu viel Unrecht ist darunter geschehen. Ich möchte darlegen, dass im Namen Gottes nichts rechtfertigt, gegen Gebote der Menschlichkeit zu handeln. Im Gegenteil möchte ich die Menschlichkeit über den Glauben an Gott stellen. Letzten Endes läuft es darauf hinaus, dass ich Gott für entbehrlich halte. Ich fordere andere Autoritäten, nämlich das Gebot zur schon genannten Humanitas. Das alles wünsche ich mir, aber ohne meine Mitmenschen zu verletzen, die an Gott glauben, ihn als Richtschnur für ihr Verhalten nehmen. Ich möchte meinen Unglauben verständlich machen, meine Werte vertreten, bei allem Respekt vor Menschen, die meine Ansicht nicht teilen.

 

Zum Gottesbegriff

 

Es müssen zwei Gottesvorstellungen unterschieden werden, den Persönlichen Gott und den Universalen Gott. Der Universale Gott ist jene Energie, die das Universum zusammenhält (erklärt?). Ihn anzubeten macht keinen Sinn. Ihn zu vermengen mit dem Persönlichen Gott, verwirrt. Der Persönliche Gott ist jene Bezugsperson, die anzubeten Sinn machen kann.

 

Was den Universalen Gott anbelangt, bin ich Agnostiker. Wir können nicht wissen, ob es ihn gibt oder nicht. Unsere Erkenntnisfähigkeit reicht nicht aus, wird nie ausreichen.

 

Im Folgenden geht es ausschließlich um den Persönlichen Gott.

 

Auch wenn ich persönlich nicht glaube und nicht bete, muss ich doch feststellen, dass das Menschen tun und das es ihnen gut tut. Was also ist dieser Glaube, woher nimmt er seine Kraft. Als Psychologe und Wissenschaftler bin ich neugierig. Zuerst möchte ich ein paar Tatsachen beleuchten:

 

Es gibt eine Biographie Gottes, nämlich den Umstand, dass sich das Bild von Gott über die Jahrtausende verändert hat. Es ist also ein evolutionärer Aspekt zu berücksichtigen.

 

So ist es der individuelle Weg, den ich auf dem Hintergrund der stammesgeschichtlichen Entwicklung skizzieren möchte:

 

Die Menschheit hat aus gutem Grund Bewusstsein entwickelt. Sein Sensorium ist nicht nur in der Lage, die Umwelt und sich in ihr zu sehen, sondern auch sehr differenziert diesen Erkenntnisapparat selbst. Diese Schleife des Sich-selbst-Betrachtens führt zum Bewusstsein.

 

Aber wir zahlen dafür: Unser Bewusstsein ist ein nur annäherungsweise gelungener versuch, uns in der Welt zu verstehen – da bleibt ein erheblicher Rest. Häufig entzieht sich uns der Sinn dessen, was wir erfahren,  und zwar grundsätzlich. Wir Menschen haben da ein Problem, und wir sind die einzigen Geschöpfe, die dieses Problem haben. Yalom formuliert es in seiner Existentiellen Psychotherapie so:

“Es gibt unausweichliche Tatsachen des Lebens, mit den Grundlagen der Existenz fertig zu werden. Besonders relevant sind vier existenzielle Tatsachen:

-      die Unausweichlichkeit des Todes für jeden von uns und für die, die wir lieben.

-      die Freiheit, unser Leben nach unserem Willen zu gestalten

-      unsere letztendliche Isolation und schließlich

-      das Fehlen eines erkennbaren Lebenssinns.

 

 „So grausam diese Grundtatsachen auch sein mögen, sie bergen den Keim von Weisheit und Erfüllung“ – nämlich deswegen, weil wir uns den Sinn des Lebens selber geben müssen.

 

Bewusstsein ist mit dem Bemühen verknüpft, verstehen zu wollen. Das unverstandene und das Unverständliche wird mental begriffen, durch Theorien, Konstrukte und Hypothesen, die zur Vorhersage der Zukunft dienen sollen (und damit einen evolutionären Vorteil bringen).

 

So erfinden wir unsere Realität. Der Konstruktivismus, das  heutige Verständnis von Wirklichkeit, geht davon aus, das wir nicht wissen können, wie die Welt wirklich ist, dass wir aber Theorien, Hypothesen, Modelle haben, eben Konstrukte, die uns helfen, in dieser Welt klar zu kommen. Das ist besonders nötig bei der Konstruktion von Sinn, um uns diesem existenziellen Dilemma stellen zu können. Es liegt nahe, hier nicht nur den Grund für Glauben, sondern ebenso für den Aberglauben zu vermuten.

 

Erleichtert werden die Konstrukte über Metaphysisches durch konkrete, aber unverständliche  Erfahrungen, die Menschen machen: Nahtod-Erfahrungen und sog. Erleuchtungen. Diese Phänomene sind nicht zu leugnen, aber durchaus physiologisch zu erklären. Als Gottesbeweis taugen sie nicht!

 

Die Menschheit hat evolutionär Bewusstsein entwickelt, zunächst jedoch nur als prinzipielle Fähigkeit, am Beginn des individuellen Lebens Bewusstsein entwickeln zu können. Wie aber geschieht diese Entwicklung, wie wird Bewusstsein von Generation zu Generation weitergegeben?

 

Vom Bewusstsein zum Monotheismus

 

Der Weg zum Bewusstseins geht notwendig über das Gespräch mit einer Bindungsperson. Dieses Gespräch unterscheidet das Tier vom Menschen. Menschen ohne dieses Erste Gespräch, gewöhnlich mit der Mutter, sterben.

 

Jedes weitere Gespräch fußt auf dem Ersten Gespräch, der begegnung mit der Bindungsperson. Die Bezogenheit auf die Bindungsperson ist prägend für alle Beziehungen, für alle je folgenden Gespräche, auch mit sich selbst.

 

Die Bindungsperson bleibt der Erste Gesprächspartner, auch wenn er gestorben ist.

 

Der Gestorbene bleibt damit lebendig, präsent.

 

Der lebendige Tote, der mit anderen (Geschwistern) gemeinsam erlebt wird, behält Autorität (perpetuiert Werte).

 

Der Tote reiht sich ein in die Gemeinschaft aller Toten.

 

Die Gemeinschaft aller älteren Toten ist das Fundament der Ahnenreihe.

 

Die Ahnen haben etwa zu sagen, sie sorgen für die Moral der Sippe, so wie schon die Bindungsperson Werte vermittelt hat.

 

Die Kommunikation mit den Ahnen wird institutionalisiert (Schamanen, Priester, Kirche).

 

Je höher die Zivilisation steht, desto differenzierter ist der Ahnenkult.

 

Je elaborierter das Ahnensystems ist, desto eher erhalten sie phänomenal Unsterblichkeit.

 

Die Unsterblichen erhalten den Rang von Göttern.

 

Die Götter und ihre Priester sorgen sich um die Moral der Sippe.

 

Das Göttersystem abstrahiert schließlich zu Gott.

 

Gott ist damit die Abstraktion der Werte der Sippe.

 

Diese Entwicklung des Monotheismus hat sich über die Jahrtausende erstreckt und belegt: Gott ist menschengeboren. Maria ist dafür eine Metapher. Gott als Abstraktion des Menschen und seiner Werte ist menschenähnlich. Die Annahme der Gottähnlichkeit des Menschen verwechselt Ursache und Wirkung.

 

Diese Menschenähnlichkeit Gottes zeigt sich in den verschiedenen Kulturen. Die Religionsgeschichte belegt die Kulturabhängigkeit der jeweiligen Gottesvorstellung. Auch hier wird sichtbar, dass Gott des Menschen Werk ist.

 

Das Gespräch mit dem toten Vater, den Ahnen, den Göttern, Gott, bleibt bestehen: es wird zum Gebet. (Die männliche Form ist nebensächlich. Tatsächlich waren die ersten Götter weiblich, z.B. Gaia).

 

Das Gebet ist die Kommunikation mit den Gesetzen der Menschheit: Du sollst nicht töten, du sollst deinen nächsten lieben wie dich selbst etc.

 

Das Gebet ist wie das Erste Gespräch, die Kommunikation  mit der Bezugsperson, und bildet damit Bewusstsein.

 

Das Gebet setzt Erfahrungen mit Bindungspersonen voraus.

 

Missglückte das Erste Gespräch, entgleist auch das Beten.

 

Funktion des Betens

 

Beten ist Selbstexploration, besonders die Wahrnehmung der wirklichen Bedürfnisse. Es macht bescheiden und führt zu Dankbarkeit – auch wenn es nicht erhört wird. Zwei fundamentale Bitten lassen sich unterscheiden, eine dritte ergibt sich daraus:

 

Bitten um Kraft, das Schicksal zu wenden: Assimilation

Bitten um Kraft, das Selbstkonzept zu ändern: Adaptation

Bitten um Weisheit, am rechten Ort zur rechten Zeit richtig zu wählen.

 

Weisheit ist das erfahrungsbasierte Wissen zur Erlangung von Glück. Ich komme auf Yalom zurück: "So grausam diese Grundtatsachen des Lebens auch sein mögen, sie bergen den Keim von Weisheit und Erfüllung", d..h. von Glück.

 

Fazit:

 

Der Mensch braucht zwingend den Partner. In seiner existenziellen Not erfindet er seinen Gott.

 

Zur Psychotherapie

 

Das missglückte Erste Gespräch kann in der Psychotherapie nachgeholt werden.

 

Der Psychotherapeut ist Ersatz für die Bindungsperson, für den Vater. Es passiert, dass er angebetet wird wie ein Gott (bis zum Titel eines Buches einer Patientin, die allerdings den Rahmen des Möglichen sprengt: „Als hätte ich mit einem Gott geschlafen“).

 

Das Gespräch mit dem Psychotherapeuten, das ist die Selbstexploration des Klienten, ist das Einüben der Kommunikation mit sich selbst.

 

Die Rolle des Psychotherapeuten ist nondirektiv, um das Gespräch mit sich selbst nicht zu verfremden, zu behindern.

 

Das Gespräch mit sich selbst ist die Kommunikation mit der Bindungsperson, mit Gott, ist damit Gebet.

 

Das gebet ist ein Selbstgespräch, ist nondirektiv, hat die Funktion der Selbstexploration, ist bewusstseinsbildend, wachstumsfördernd, heilend.

 

Psychotherapie ist die Einübung eines positiven, konstruktiven Selbstgesprächs, damit vielleicht auch die Ermöglichung eines fruchtbaren Gebets.

 

Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen dem Ersten Gespräch, der Psychotherapie, dem Selbstgespräch und dem gebet.

 

Fazit:

Wir brauchen zur Orientierung nicht zwingend Gott, aber notwendig den Menschen. Das drückt sich aus im menschlichsten aller Sätze über das Menschsein:

 

Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.

 

Zunächst widerspricht die Bibel diesem Imperativ, sie ist zu pädagogisch, nicht humanistisch. Es gibt in den Zehn Geboten an vorderster Stelle den rächenden Gott: "Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen ...!" (2. Mose 20). Das Alte Testament arbeitet vorwiegend mit Angst.

 

Ein Gegengewicht liefert das Christentum mit seiner Nächstenliebe. Fairerweise ist allerdings anzumerken, dass dieses Gebot auch so schon im Judentum und später im Islam gilt. Es gilt in allen Buchreligionen, muss also aus Ägypten kommen, gilt aber darüber hinaus für alle Religionen. Es gilt nicht nur für Menschen, sondern prinzipiell, mindestens für alle Wirbeltiere: Es gibt keine Entwicklung ohne Bindungsgefühle.

 

„Der Mensch ist gut“. Davon bin ich zutiefst überzeugt, als aufgeklärter Humanist, als Liberaler und auch als Christ.

 

Belege dagegen wie dafür sind vorhanden. Belege dagegen lassen sich entkräften. „Böse“ Menschen sind krank. Das lässt sich in jedem Einzelfallbelegen. Menschen sind gut. Das lässt sich evolutionär begründen. Sie sind sozial, sonst gäbe es die Menschheit  nicht.

Beleg für die soziale Grundhaltung sind z.B. Rotarier. Albert Schweitzer formuliert: „Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind.“ Wenn Menschen nicht gut sind, so gibt es Gründe, Ängste. Von Natur aus sind sie auf einander angewiesen, lieben den anderen wie sich selbst, als Teil eines Ganzen das Ganze.

 

Hier zeichnet sich die Alternative zu Gott ab: Liebe. Sie ist älter als Gott, evolutionär bedingt, für den Menschen existenziell. Ohne das Bedürfnis nach Nähe und die dazugehörigen Gefühle der Bindung ist die Menschwerdung nicht denkbar.

 

Liebe lässt sich differenzieren. Es gibt (neben Eros und Sexus) bedürftige Liebe, Selbstliebe, selbstlose Liebe, Gattenliebe (einschließlich Eros und Sexus) und Agape (die göttliche Liebe, Nächstenliebe, eine Art Zuneigung, die eine gewisse Stärke und Intensität besitzt, aber nicht fordert).

 

Wir nennen alles Liebe, weil sie zusammengehören, einander bedingen. Zunächst liebt das Kind bedürftig,  um sich selbst lieben zu können. Das ist die Grundlage, um selbstlos zu liebe, so wie Eltern ihre Kinder lieben. Dazu befähigt sie die Gattenliebe, in der sie geben und nehmen. Die Gattenliebe ist Teil der Agape, zu der sie führt, wie  Joachim Ringelnatz so schön formuliert:

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern

Meine Liebe wird mich überdauern

Und in fremden Kleidern dir begegnen

Und Dich segnen.

 

Das ist die entscheidende Alternativ: Agape als göttliche Liebe. Den Zusammenhang zwischen Gott und Liebe bringt Goethe auf den Punkt. Er lässt Faust zu Gretchen über Gott sprechen:

„nenn´ es dann, wie du willst,

nenn´s Glück! Herz! Liebe! Gott!

Ich habe keinen Namen

dafür! Gefühl ist alles;

Name ist Schall und Rauch ... „

 

Glück! Herz! Liebe! Gott!  -  in einem Wort: Es geht um das göttliche Gefühl des Glücks in der Liebe zu sich und dem Nächsten.

 

Liebe, das Bedürfnis zu lieben und das Bedürfnis, geliebt zu werden ist der Prototyp unserer Bedürfnisse. Das liegt daran, dass seine Befriedigung besonders kostbar ist. Die Einzigartigkeit beruht darauf, dass es das einzigen Bedürfnis ist, dass wir nicht selbst befriedigen und kaufen können. Es sind Bedürfnisse nach Nähe, wie sie in der Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft zum Ausdruck kommen.

 

Belege für den Zusammenhang zwischen Glück und Liebe:

 

Lew N. Graf Tolstoi

„Zu lieben ist Segen, geliebt zu werden Glück.“

 

Und derselbe:

„Glück entsteht nur durch Vermehrung der Liebe.“

 

Nestroy

„Verdoppeln lässt sich das Glück nur, wenn man es teilt.“

 

Cicero

„Glück findet der Mensch dadurch, dass er seine Fähigkeit entwickelt, Liebe zu empfinden und zu geben. Indem er lernt zu lieben und dies mit Bewusstheit verbindet, empfindet er sein Leben sinnvoll.“

 

Homer, Odyssee, aus dem 6. Gesang:

„Denn nichts ist besser und wünschenswerter auf Erden,

Als wenn Mann und Weib, in herzlicher Liebe vereinigt,

Gütig ihr Haus verwalten: den Feinden ein kränkender Anblick,

Aber Wonne den Freunden; und mehr noch genießen sie selber!“

 

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen   1938

„Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und unbarmher­ziger sind wir von ihnen getrennt als durch alle Ent­fernungen. Auch treten im Nachglanz die Bilder lockender hervor; wir denken an sie wie an den Kör­per einer toten Geliebten zurück, der tief in der Erde ruht und der uns nun gleich einer Wüstenspiegelung in einer höheren und geistigeren Pracht erschauern lässt. Und immer wieder tasten wir in unseren durstigen Träumen dem Vergangenen in jeder Ein­zelheit, in jeder Falte nach. Dann will es uns erschei­nen, als hätten wir das Maß des Lebens und der Liebe nicht bis zum Rande gefüllt gehabt, doch keine Reue bringt das Versäumte zurück. O möchte dieses Gefühl uns doch für jeden Augenblick des Glückes eine Lehre sein!

Und süßer noch wird die Erinnerung an unsere Mond- und Sonnenjahre, wenn jäher Schrecken sie beendete. Dann erst begreifen wir, wie sehr es schon ein Glücksfall für uns Menschen ist, wenn wir in un­seren kleinen Gemeinschaften dahinleben, unter friedlichem Dach, bei guten Gesprächen und mit lie­bevollem Gruß am Morgen und zur Nacht. Ach, stets zu spät erkennen wir, dass damit schon das Füllhorn reich für uns geöffnet war.“

 

Suche nach Gott als Suche nach Glück

 

Glück ist das generelle Gefühl bei der Erfüllung von Bedürfnissen. Was für die Liebe gilt, gilt im Prinzip für alle Bedürfnisse und alle Befriedigungen von ihnen. Glück ist Erfüllung unserer Bedürfnisse, und Glück ist damit herstellbar. Die Suche nach Glück weist uns den Weg, das Richtige, Nötige, Organismische zu tun. Folgen wir dem Ruf des Glücks, dem Weg der Bedürfnisbefriedigung, sind wir auf dem richtigen, nämlich menschlichen Weg.

 

Das erschreckt zunächst, hört sich grenzenlos egoistisch an. Das relativiert sich jedoch sofort, wenn wir bedenken, das Nächstenliebe nicht nur eine Pflicht ist, sondern innerstes Bedürfnis. Wirkliches Glück erfahren wir nur, wenn das Bedürfnis, den Nächsten zu lieben, unverletzt bleibt. Es geht um ein Gleichgewicht zwischen allen Bedürfnisbefriedigungen. Dieses Gleichgewicht ist immer wieder herstellbar, wenn es verletzt wird. So ist auch verständlich, dass das Glücksempfinden relativ unabhängig ist vom eigenen Schicksal: Der Durchschnitt des empfundenen Glücks ist weitgehend gleich. Nach einem Jahr gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Zufriedenheit eines Lottogewinners und eines Querschnittgelähmten.

 

Fazit:

Des Menschen Streben zielt auf Glück (das wird immerhin in der amerikanischen Verfassung institutionalisiert), macht sein Menschsein aus, und gipfelt in der Erfüllung seines Bedürfnisses, den Nächsten zu lieben.

 

Damit schließt sich der Kreis:

Wenn wir uns auf uns selbst beziehen, benötigen wir keinen Krieg im Namen Gottes, keine Kirchen und keinen Gott: Gott ist die Liebe zwischen den Menschen, wie die Beziehung zwischen Klient und Psychotherapeuten.