Die Notwendigkeit des Fremden für das Eigene

The necessity of the alien for my own

 

Klaus Heinerth

 

Gliederung

 

Zusammenfassung und abstract

Einleitung: Das Fremde und die Langweiligkeit des Eigenen

Die Physiologie der Wahrnehmung fußt auf Kontrast

Reiz-Deprivation zeigt: Ohne Fremdes irrt das Eigene

Die Psychologie der Wahrnehmung folgt der Physiologie

Erkenntnistheorie: Unsere Grenzen  der Wirklichkeit

Die Funktion des Verstehens als Erkenntnisprinzip

Ohne Distanz keine Erkenntnis

Statistik prüft Abweichungen, keine Gleichheit

Die Evolution verlangt fremde Gene

Inzestvermeidung gegen genetische Verarmung

Identitätsentwicklung als Selbst-Verständnis

Exploration und Selbstexploration

Aktualgenese des Affekts zum Ich-Bewußtsein

Ontogenese des Selbskonzepts

"Vererbung" von Einfühlungsvermögen

Integration und Schärfung von Differenzbewußtsein

Selbstdefinition durch Negation muß scheitern

Dualismus Explorations- und Sicherheitsbedürfnis

Sicherheit und Neugier führen zu Wachstum

Die Langweiligkeit des Eigenen ist drängendes Potential

Exkurs Wahlkampf 1998: Über Innovation und Angst

Bedrohungen führen zu Fehlentwicklungen

Fremdenhaß und seine Überwindung

Aggressivität und andere Gefährdungen

Exkurs: Ein Sachse in Bayern, oder: Fremd ist immer der andere

Durch Sicherheit und Neugier zur Eigenständigkeit

Kontakt und Begegnung ist Bedingung für Wachstum

Das Fremde in uns entspricht der Angst vor dem Anderen

Inkongruenz und die Abwehr des Fremden

Grundlegende Literatur.

 

 

Zusammenfassung

 

Aus Philosophie, Genetik, Physiologie, Wahrnehmungspsychologie und Statistik wird hergeleitet, daß menschliches Sein nur denkbar und erfahrbar ist im Kontrast. Insbesondere wird menschliche Entwicklung gesehen als Integration des Äußeren, zunächst Fremden, in das eigene Selbstkonzept. Aus diesem Grund ist das Fremde Grundlage allen Wachstums. Wird jedoch beobachtet, daß das Fremde ängstigt oder mit Haß verfolgt wird, so liegen dem besondere Bedingun­gen zugrunde. Sicherheit, Geborgenheit, Bindung und Kontakt werden diskutiert als entsprechende Voraussetzungen für eine Entwicklung, in der das Fremde angstfrei genommen werden kann, damit das Individuum frei ist zu entscheiden, ob das Fremde in Absetzung zur eigenen Identität ihrer Stabilisierung und Schärfung dient, oder ob das Fremde als das neue Eigene in das Selbstkonzept integriert werden kann.  Die psychologischen Phänomene werden vor dem Hintergrund des klientenzentrierten Konzepts diskutiert.

 

Schlüsselworte: Entwicklung des Selbstkonzepts, Selbstexploration, klientenzentriertes Konzept, persönliches Wachstum.

 

 

Abstract

 

Considerations of philosophy, genetics, physiology, psychology of perception and statistics show that human being is determined by phenomena of contrast. Especially experiences in contrast to the own concept of self are determined to sharpen the view of self, others and the relationship between. Psychopathological developments and their overcoming are discussed within the client-centered concept.

 

Key words: development of self, exploration of self, personal growth, client-centered theory.

 

 

Einleitung: Das Fremde und die Langweiligkeit des Eigenen

 

Das Thema läßt aufhorchen, da irgend etwas der Erwartung widerspricht. Zunächst besteht gewöhnlich bei der Wahrnehmung der beiden Begriffe fremd und eigen die Erwartung des Gegensätzlichen, sogar der Unvereinbarkeit, wobei das Eigene mit angenehmen Gefühlen verbunden ist, während das Fremde vielleicht mit unangenehmen, eben befremdlichen Gefühlen verbunden wird, mit Bedrohung und Mißtrauen. Erst später kann die reifere Reaktion auftreten, daß mit dem Eigenen zwar das Sichere, aber auch Langweilige verbunden wird, und mit dem Fremden das Neue mit Neugier und Lust. Um diesen Schritt vom Gewöhnlichen zum Reifen geht es hier, um den Schritt von der sicheren Geborgenheit zur Welt- und Lebensbewältigung.

 

Die Spannung des Titels läßt aufhorchen, anders als ein Titel wie Das Eigene und das Fremde, der kalt uns ließe, und anders als der Titel Die Notwendigkeit des Fremden, der das Mißtrauen schürte, es ging um politische oder pädagogische Manipulation. Der tatsächliche Titel, Die Notwendigkeit des Fremden für das Eigene hingegen baut durch den leichten, wenn auch nur emotional empfundenen Widerspruch eine Spannung auf: Der Titel ist ein wenig fremd! Und es ist dieses Fremde, das aufhorchen läßt. Anders als die anderen Titel gibt er eher die Chance, daß unsere Neugier geweckt wird, daß wir uns öffnen für das Neue, das uns wachsen lassen könnte. Und insofern ist das Thema bereits umrissen: Das Fremde liefert die Möglichkeit, das Eigene wachsen zu lassen. Zu tun übrig bleibt nur noch darzulegen, daß hierin nicht nur eine Chance liegt, sondern daß das Fremde tatsächlich notwendig ist, das Eigene zu entwickeln.

 

 

Die Physiologie der Wahrnehmung fußt auf Kontrast

Aus physiologischen Gründen ist es so, daß unser Organismus grundsätzlich nur Kontraste wahrnehmen kann. Alles Permanente, Gleichförmige, Unbewegte, entzieht sich unserer Wahrnehmung. Wir nehmen nur wahr, was abweichend vom Normalen, Gesunden, Statischen, Üblichen ist. Bei einem primitiven Sinnesorgan, wie den Kälte- und Wärmesensoren leuchtet das ein. Wir kennen den Zustand, daß es "richtig" ist und wir bezeichnen den Zustand als richtig, weil es weder zu warm, noch zu kalt ist. Aber wir bemerken die Veränderung sofort, wenn ein Windchen weht, ein Sonnenstrahl die Haut trifft, oder sich ein Loch in der Kleidung auftut. Es ist das Plötzliche, was uns besonders die Aufmerksamkeit auf das Geschehen richten läßt, eben der Kontrast.

 

Ganz deutlich wird das Phänomen beim Tastsinn. Wir spüren unsere Kleidung, die Berührung mit ihr nicht, wenn wir uns nicht bewegen. Erst die Bewegung macht eine Berührung, mit dem Kragen, dem Stuhl, mit dem Boden, bewußt.

 

Auch der Geruchssinn sowie der Geschmackssinn sind hoch gewöhnungsfähig, wenn es keinen Kontrast gibt. Zwei Menschen, die keines augenblicklichen Geschmacks gewärtig sind, können bei einem Kuß den anderen sehr stark schmecken.

 

Was das Hören anbelangt, so lassen sich hier die gleichen Prinzipien nachweisen. Wir gewöhnen uns an Hintergrundgeräusche. Selbst wenn sie sehr laut sind, werden sie nicht mehr wahrgenommen. Selbst Tinnituspatienten können lernen, ihre Ohrgeräusche zu überhören. Jedoch wird jede Änderung der Wahrnehmung sofort wieder gegenwärtig. So erheischt selbst ein kleiner Tinnitus die Aufmerksamkeit besonders dann, wenn er plötzlich aufhört.

 

Beim Gesichtssinn zeigt sich dieses Phänomen am überzeugendsten. Es ist die unablässige Bewegung des Auges, die uns erst ein Sehen ermöglicht. Versuchen wir zu starren, z.B. in der Meditation auf ein Bild, wird das Gesichtsfeld verschwimmen. Es ist aber nicht nur die Bewegung des Bulbus, sondern auch die Mikrovibration, die allen Säugetieren eigen ist, weil sie die Grundlage der Wärmeproduktion ist. Der Kaltblüter Frosch, der die gleiche Temperatur hat wie seine Umgebung, also durch eine Mikrovibration seine Temperatur nicht erhöhen muß, ist blind, so lange er sich nicht bewegt oder sich nichts in seinem Blickfeld bewegt. Das macht Sinn, er starrt wartend, lauernd sozusagen, ins Leere und wird erst aktiviert, wenn sich ein Feind oder eine Fliege nähert. Wird beim Menschen die Mikrovibration des Augapfels unterbunden (durch Festfrieren des Bulbus an einem tiefgekühlten und fixierten Stempel), erlischt schlagartig jede Wahrnehmungsfähigkeit: Dieses Auge ist blind. Aber wiederum auch nur so lange, bis sich wieder etwas im Gesichtsfeld bewegt, oder der Kopf sich bewegt  -  wie beim Frosch. Taut der Stempel am Bulbus ab, ist das Auge sofort wieder durch seine Mikrobewegung wahrnehmungsfähig. Neben der Bewegung des Bulbus und der Mikrovibration wurde kürzlich festgestellt, daß auch eine Bulbus-Rotation existiert, so daß fortgesetzt immer andere Stäbchen und Zapfen der Netzhaut aktiviert werden. Nur durch diese Änderung der Reizung ist eine Reizleitung gewährleistet. Das Phänomen des Kontrastsehens ermöglicht es uns, z.B. selbst feinste Flecken auf dem Teppich wahrzunehmen. Das gilt nur, so lange der Teppich selbst keine kontrastreichen Muster aufweist. Ein Muster auf dem Teppich, das einen stärkeren Kontrast darbietet, macht das Auge unsensibel für den kleinen Kontrast des Teeflecks auf dem Teppich. So erklärt sich auch die optische Täuschung nach Hering:

 

 g g g g g g g g

 

 g g g g g g g g

 

 g g g g g g g g

 

Die "Straßen" sind kontrastierend scharf weiß, während die "Kreuzungen" einen kleinen Grauschleier aufweisen: Sie haben weniger Kontrast, die schwarzen Flächen stoßen weniger unmittelbar auf sie.

 

Ein Kontrast wird jeweils als solcher verstärkt wahrgenommen, und Wahrnehmung ohne Kontrast ist nicht denkbar. Dabei trifft diese Gesetzmäßigkeit sowohl für die gleichzeitige Wahrnehmung einer Sinnesmodalität zu, wie auch für zeitlich folgende: Die Stille ist um so stiller, je lauter der Geräuschpegel zuvor gewesen ist.

 

Diese Gesetzmäßigkeit gilt nicht nur für sinnliche Wahrnehmung, sondern auch für komplexere Wahrnehmungen. So erhellt der Kontrast alt/neu, gewohnt/plötzlich, statisch/dynamisch sowie eigen/fremd das Fremde im Verhältnis zum Eigenen. Das Eigene ist nicht als das autochthon Eigene wahrnehmbar ohne das Fremde: So läßt sich festhalten, daß nur ein Kontrast Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet. So macht es Sinn, das Eigene und das Fremde als ein Kontrastphänomen zu betrachten, d.h. das Fremde wird als solches nur wahrgenommen, wenn es sich abhebt von dem Gewohnten, vom Eigenen, und umgekehrt, das Eigene wird nur deutlich, wenn es einen Kontrast gibt, das Fremde.

 

 

Reiz-Deprivation zeigt: Ohne Fremdes irrt das Eigene

 

Die Ausschaltung fremder Reize wie im Samahdi-Tank, der Schwere, Temperatur, Geräusche und Licht ausschaltet, führt sehr schnell zu Halluzinationen: Ohne Wahrnehmung von außen und wenigen von innen produziert der Organismus Phantasien, er kann sich nicht mehr an der Realität orientieren. Auch verschüttete Bergleute berichten davon. Ohne das Fremde spielt das Eigene verrückt, vergleichbar den Phantasien im Traum.

 

 

Die Psychologie der Wahrnehmung folgt der Physiologie

 

Wir können uns immer nur auf ein eng begrenztes Wahrnehmungsfeld wirklich konzentrieren. Es ist das, was in den Vordergrund rückt. Vordergrund macht aber keinen Sinn ohne Hintergrund. Es ist der Hintergrund, der etwas in den Vordergrund schiebt. Die Maler haben das seit dem frühen 15. Jahrhundert begriffen. Es schärft den Blick auf das Wesentliche, auf das Eigentliche. So wie der Hintergrund notwendig für den Vordergrund ist, ist das Fremde notwendig für das Eigene. Die Konzentration auf das Eigentliche (auf das derzeit Eigene) ist immer die Konzentration auf den Vordergrund. Beispiel: Dieser Text erhält seine Bedeutung auch auf dem besonderen Hintergrund seiner Präsentation (Universität). Das schärft seinen Vordergrund und gibt ihm eine spezielle Bedeutung.

 

Das gilt für die Wahrnehmung ebenso wie für das Denken. Wir können nur in Relationen wahrnehmen, nur sehen, wie Dinge in Beziehung stehen. Das Ding an sich ist uns verborgen. Es gibt keine Täler ohne Berge und der Lateiner unterschied sowieso nicht zwischen hoch und tief, für ihn galt mit altus beides. Ob etwas hoch oder tief ist, hängt von der Perspektive ab. Die Frage, was es wirklich ist, ist falsch gestellt.

 

Auch links gibt es nur, wenn es rechts gibt. Oben macht nur Sinn im Zusammenhang mit einem Unten. Es kommt auf die Perspektive an. Gehen wir rauf in die Alpen, oder gehen wir runter nach Süden in die Alpen. Ost und West sind per definitionem nur Richtungen, also relativ. Selbst Nord und Süd sind nur im mittleren Bereich eindeutig. Auf dem Nordpol stehend, geht jede Richtung nach Süden, und die Richtungen Ost und West gibt es nicht mehr.

 

Es ist der Mensch, der den Dingen im Raum seinen Ort gibt. Er ist das Maß aller Dinge. Es ist ihm so zu eigen, daß er diesen Umstand kaum wahrnehmen kann. Also ist er gezwungen, das Maß zu setzen. Ein Intelligenzquotient von 100 ist willkürlich gesetzt. Tatsächlich nennt er nur die Relation von 50% Menschen, die gescheiter, und 50%, die dümmer sind. Wir glauben zu wissen, was es heißt, ein Mensch habe den Intelligenzquotienten von 100. Tatsächlich haben wir keine eindeutige Vorstellung von dem, was wir Intelligenz nennen. Das Ding an sich zu begreifen ist sehr schwer, aber Relationen zu begreifen, liegt uns. Wir können schnell sehen, ob jemand intelligenter oder dümmer ist als ein anderer und das läßt sich auch messen, und das, ohne zu wissen, was wir wirklich messen.

 

Der Mensch als das Maß aller Dinge: Er definiert die Nullage, die Abweichungen erkennbar macht. Es ist die Orientierung am Mittel (z.B. IQ = 100). Wir brauchen einen Standard (z.B. Heiß/kalt-Relativität), um Abweichungen zu bemerken, und ohne Abweichungen nehmen wir den Standard als solchen nicht wahr (Beispiel Luft: Sie wurde  -  wissenschaftsgeschichtlich  betrachtet  -  eben erst entdeckt).

Der Mensch als das Maß aller Dinge setzt Normen, setzt den Standard, an dem er sich orientiert. Auch das hat wieder physiologische Korrelate. Sie kennen den Versuch:  Tauchen Sie eine Hand in heißes Wasser, die andere Hand in kaltes, und nach einer Weile beide Hände in lauwarmes Wasser. Sie werden bemerken, daß sich das laue Wasser dann für beide Hände erstaunlich unterschiedlich anfühlt. Rechte und linke Hand hatten jeweils einen anderen Standard gebildet, und relativ zu diesem Standard wird dann das Wärmeempfinden unterschiedlich beurteilt. Nicht die Mitte, das gewöhnliche ist wahrnehmbar, sondern die Extrema, die Änderungen, das Abgesetzte.

 

Diese Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, nutzen die Menschen auch für ihre Orientierung. Sie sortieren die Objekte z.B. nach unterschiedlichen Hautfarben, nach Geschlecht, nach Größe. Jeweils wird etwas wahrgenommen, aber nicht nach dem, was es wirklich ist, sondern nur nach dem, wie es sich unterscheidet vom anderen. Große Teile der Wissenschaft bestehen in der Strukturierung, Kategorisierung, Klassifizierung, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Das Ding an sich bleibt dabei außen vor. Das einfachste Kategoriesystem ist: ich und die anderen, oder wir und die anderen. Das eben ist leicht wahrnehmbar. Das Eigene im Gegensatz zum Fremden. Und wieder: Das Eigene akkurat zu sehen ist nicht möglich ohne das Fremde.

 

Erkenntnistheorie: Unsere Grenzen der Wirklichkeit

 

Die Philosophie hat sich mit dem Problem des Kontrastes schon immer beschäftigt und die erkenntnistheoretischen Hintergründe beleuchtet. Tatsächlich ist das Ding an sich kaum wahrnehmbar. Erkennen können wir nur Unterschiede, keine Identität.

 

So ist es eben auch außerordentlich schwierig, solche Dinge wie Gesundheit logisch positiv zu definieren. Abweichungen des Normalen, also Krankheiten lassen sich als Kontrast leicht definieren, aber was ist Gesundheit? Dieses Problem sieht die Weltgesundheitsorganisation und definiert Gesundheit: „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Deutlich wird damit, daß Gesundheit nicht das Gegenteil von Krankheit sein kann, daß aber die Identifizierung von Gesundheit äußerst schwierig ist, und es wird im Emotionalen angesiedelt, im Wohlbefinden. Und da fängt wieder die Schwierigkeit der logisch positiven Definition an. Wir bemerken unser Wohlbefinden nicht, wenn es nicht als Kontrast auftritt. Wir können spüren, wenn der Schmerz nachläßt und wir können spüren, wenn das Wohlbefinden aufhört, aber was Wohlbefinden selbst ist und es wahrzunehmen, scheint nicht möglich.

 

Auch die Psychoanalyse, die sich seit 100 Jahren darum bemüht, psychische Systeme zu erkunden und zu definieren, erklärt menschliches Verhalten immer aus der Krankheit heraus, also aus dem Extremen, aus dem Fremden.

 

Diesen Aspekt der Erkenntnisphilosophie hat Tucholsky sehr anschaulich beschrieben: Seine „Soziologische Psychologie der Löcher“ beginnt er mit „Das Loch ist ein ewiger Compagnon des Nichtlochs - Loch alleine kommt nicht vor“. Loch und Nichtloch definieren sich gegenseitig nur als Kontrast. Das Nichtloch wie das Loch ist ein Abstraktrum, jedenfalls kein Ding an sich. Auch andere Kulturen wissen darum. Nasrudin sagt: „Es gibt falsches Gold nur, weil es echtes gibt“. Erwin von Kleist: "Der Schmerz macht, daß wir die Freude fühlen, so wie das Böse macht, daß wir das Gute erinnern."

 

Erinnert sei auch an den Pharisäer: „Dank, daß ich nicht so bin wie jener Sünder dort“. Er definiert sich selbst durch Abhebung vom Anderen, Fremden. Auch Sprichwörter wissen darum. Es gibt kein Licht ohne Schatten, aber Schatten gibt es auch nicht ohne Licht. So scheint unsere ganze Welt zu bestehen aus Gegensätzen: Ich und Du, Ordnung und Chaos, Selbstorganisation und Entropie, Werden und Sein, Sein und Sollen.

 

Wenn es nur um den Kontrast geht, was ist dann mit einer Identität? Ein Text kann mit einem anderen Text identisch sein. Die reine Information ist es mit einer anderen. Aber es gibt keine reine Information. Die abstrakte Information ist 1. immer an einen Informationsträger gekoppelt, und 2. immer eingebettet in Metakommunikation:

 

1. Die Kopplung der Information mit der Materie bringt den Unterschied. Keine Information ohne Informationsträger. Damit sind Kopien immer ungleich.

 

2. Spätestens seit Watzlawick wissen wir, daß es die reine Information nicht gibt, sie ist immer in die Metaebene eingebettet. Lassen Sie auf sich meine Aufforderung wirken: „Bitte glauben Sie mir nicht!“

 

Ein Code kann zwar mit einem anderen identisch sein, aber nur abstrakt. Jedes Ding, jede Information, die mit Materie verknüpft ist, ist einmalig, mit nichts identisch. Und so sind eben selbst genetisch identische Zwillinge nicht wirklich identisch.

 

 

Die Funktion des Verstehens als Erkenntnisprinzip

 

Nicht nur Erkennen, auch Verstehen ist dem Diktat unterworfen, daß nur Abweichungen, Anderes, Fremdes verstanden werden kann: Verstehen ist der Prozeß der Integration des Fremden in das Eigene, des Neuen in das Bestehende. Das Eigene ist nur zu verstehen dort, wo es im Vordergrund steht, vor dem Hintergrund des Fremden, und anders ist als erwartet. Der Hunger meldet sich als etwas Neues, Fremdes, er kann verstanden werden. Daß ich nicht hungrig bin, brauche ich nur dann zu verstehen, wenn es erstaunlich wäre, also als etwas Eigenartiges, also Fremdes, in den Vordergrund rückte, z.B. dann, wenn ich gefastet habe.

 

Verstehen kann ich nicht ein Sein, sondern nur Bezüge, Verhältnisse, Veränderungen, Abhängigkeiten, Prozesse, ein Anders-Sein.

 

 

Ohne Distanz keine Erkenntnis

 

Es bedarf des archimedischen Punktes, der Metaebene, des Abstands, um die Dinge wahrnehmen zu können: Erkenntnis braucht Kontrast, den optimalen Abstand. Es gibt viele Möglichkeiten, sich um diesen Abstand zu sorgen. Eine Möglichkeit ist der Humor. Wenn ich einen Witz über etwas machen kann, distanziere ich mich damit und stelle eine Distanz her, einen künstlichen Unterschied zwischen meinem Problem und dem Witz über mein Problem. Und der Witz über mein Problem, die andere Perspektive, kann damit die Sichtweise auf mein Problem schärfen. (Beispiel: Jeder ist seines Unglücks Schmied.)

 

Archimedes verlangte den Punkt außerhalb des Geschehens, von dem aus er die Welt aus den Angeln heben wollte. Seine Sichtweise ist insofern übertrieben, als es diesen archimedischen Punkt nicht geben kann: Es ist nicht möglich, endgültig aus dem System zu gehen. Aber es wird deutlich, warum dieser Punkt gesucht wird. Geblieben ist er als Metapher für den optimalen Abstand, der den Überblick garantieren soll, wenn auch nur hypothetisch. Der Feldherrenhügel ist eine Konkretisierung innerhalb des Machbaren.

 

Psychotherapeuten sprechen von der optimalen Distanz. Zur Bearbeitung von Gefühlen und Problemen gilt: nicht blind eintauchen, aber auch nicht fliehen. Optimale Distanz meint die vorsichtige Begegnung mit dem Schmerz im Bereich des augenblicklich Machbaren.

 

 

Statistik prüft Abweichungen, keine Gleichheit

Die Statistik folgt der Erkenntnistheorie und gesteht sich ein, daß sie nur Unterschiede prüfen kann. Abweichungen sind meßbar, aber ob sie interpretiert werden dürfen, ist zu prüfen. Ist der Abstand groß genug, kann eine Aussage tatsächlich gewagt werden. Ist ein Abstand zwischen Werten zu gering, kann nicht gewußt werden, ob es ein zufälliger Unterschied ist oder ein schon interpretierbarer. In diesem Falle muß die Nullhypothese ("Der Unterschied ist zufällig") beibehalten werden, es gibt kein neues, positives Wissen. Während eine Alternativhypothese akzeptiert werden kann, kann eine Nullhypothese grundsätzlich nicht akzeptiert, sondern nur beibehalten werden, wenn auch nur, bis weitere oder genauere Daten vorliegen.

 

 

Die Evolution verlangt fremde Gene

Über die Millionen von Jahren hat sich in der Evolution ein Prinzip als vorrangig wirksam herausgestellt: daß Gene nicht absolut identisch weitergegeben werden, sondern daß es Sinn macht, Unterschiede einzubauen oder zuzulassen. Auf diesem Prinzip beruht die Mutation, die sich allerdings für den Menschen für die letzten wenigen tausend Jahre als unwirksam erwiesen hat, sowie die Selektion. Erfolg ist Genen nur beschieden, wenn sie sich an eine wechselnde Umwelt anpassen können. Dazu ist es notwendig, daß der Genpool einer Art groß ist, d.h. eine Vielfalt an Unterschieden aufweist. Die Reproduktion ausschließlich eigener Gene, also Inzucht, hat sich als äußerst schädlich für die Erhaltung einer Art herausgestellt. Die Folgen sind bekannt. Ausnahmen bestätigen die Regel: Man kann eine Art auf Inzucht züchten. Araberpferde sind so gezüchtet worden, um den Preis, daß alle Tiere, die irgendwie einen "Fehler" aufwiesen, den Hunden zum Fraß vorgeworfen wurden. Heute werden Araberpferde dazu benutzt, den Genpool anderer Pferderassen genetisch aufzufrischen. Sie selber sind inzuchtresistent, diese Inzuchtresistenz bedeutet aber andererseits, daß die Araberpferde darauf angewiesen sind, eine identische Umwelt über die nächsten Generationen vorzufinden: Sie dürften vergleichsweise wenig anpassungsfähig sein.

 

 

Inzestvermeidung gegen genetische Verarmung

 

Ansonsten hat sich die Inzestvermeidung als sehr positiv herausgestellt, um genetische Vielfalt zu ermöglichen. Es gibt auch andere Strategien, fremde Gene für den eigenen Genpool bereitzustellen. So gibt es Beobachtungen, die immer wieder in verschiedenen Kulturen gemacht werden:

 

·        Der Raub der Sabinerinnen. Immer wieder werden andere Stämme überfallen  und deren Frauen ihrer andersartigen Gene wegen verschleppt.

·        Wanderschaft junger Leute, damit ihr Stamm nicht im eigenen Dorf genetisch verarmt.

·        Faszination fremder Schönheiten – so lange sie nicht Angst machen.

·        Avunkulat: Männer bestimmter Kulturen, die ihre Frauen nicht kontrollieren können (weil sie z.B. zur See fahren) bauen den Verzicht in ihre Kultur ein und erlauben fremde Kinder in ihrer Familie.

 

Die Inzestvermeidung scheint angeboren zu sein und wird als Westermarkprinzip bezeichnet. Dieses Prinzip beschreibt die Beobachtung, daß Menschen an anderen Menschen sexuell nicht interessiert sind, wenn sie ihnen in ihren ersten drei Lebensmonaten begegnet sind. Die ersten drei Monate prägen eine Inzestschranke. (Dieses Westermarkprinzip widerspricht den Thesen Freuds: dem Ödipuskomplex. Vermutlich behandelte Freud Knaben aus besseren Familien, die von Ammen aufgezogen wurden, so daß die Mütter als Sexualobjekte in Betracht kamen.)

 

So gesehen bekommt auch der Seitensprung und seine Tolerierung seine evolutionäre Bedeutung. Selbst extrem monogame Tiere, wie z.B. die Gänse, die bei einem Seitensprung nicht so leicht erwischt werden, zeigen bei der Analyse ihrer Eier, daß sie durchaus und regelmäßig zu einem Seitensprung neigen müssen. Die Gegebenheiten beim Menschen sind noch krasser. Genetische Analysen zeigen, daß je nach Stichprobe bis zu über 10% der ehelichen Kinder nicht mit ihrem Vater verwandt sind (gen shopping der Mütter).

 

 

Identitätsentwicklung als Selbst-Verständnis

 

Wenn wir nur Veränderungen wahrnehmen und Identität nicht begreifen können, wie kommen wir dann zu einer persönlichen Identität? Was ist das Meine, mein Eigenes, meine Identität mit mir selbst?

 

Wenn es Identität zwischen Dingen nicht geben kann, so gibt es sie doch mit sich selbst, und so kann Identität nur psychologisch verstanden werden: Identität mit sich selbst, als

·        Orientierung in Zeit und Raum, einschließlich

·        Erleben von Kontinuität in der eigenen Biographie, und hier besonders

·        Verstehen eigener Zustände (Gefühle, Handlungsimpulse).

Diese Identität bedeutet Bewußtsein: Selbst-Bewußtsein (nicht unbedingt Selbstbewußtsein im Sinne von Selbstbehauptung, sondern Sein im Sinne seiner selbst bewußt, auch seiner Schwächen): "Ich bin ein anderer als mein Gegenüber." Und nur ein Gegenüber, die Abhebung von ihm, erlaubt überhaupt, die eigene Identität zu erfahren.

 

Identität geschieht über das Verstehen des Eigenen, insbesondere der eigenen organismischen Bedürfnisse und ihrer Bewertung in der Kontinuität der eigenen Biographie. Die eigenen Bedürfnisse sind nie statisch, sie unterliegen immer einem dynamischen Prozeß, Änderungen geschehen permanent. So ist Hunger ein einfaches Beispiel, Selbstaktualisierung das umfassendste.

 

Zunächst kann das organismische Geschehen, das zutiefst Eigene, ebensowenig wie das Fremde verstanden werden, so lange ich nicht weiß, wer ich selber bin. Wie aber weiß ich, wer ich bin?

 

Um zu wissen, wer ich selber bin, muß ich erst von außen verstanden worden sein. Alle unverstandenen Erfahrungen werden erst im Spiegel des Anderen zu Selbsterfahrungen und damit erst zum Eigenen. Ohne ein Gegenüber, die Mutter, den Partner, das Du, den Erzieher, Mentor, Coach, Therapeuten, Supervisor, Autor oder Vortragenden ist die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Selbstfindung, eine Individuation nicht möglich. Das Neue, Andere, der Kontrast, das Unterschiedliche, nämlich das Fremde ist somit zwingend notwendig für die eigene persönliche Entwicklung, zum Aufbau einer Individualität, mit einer eigenen Identität.

 

 

Exploration und Selbstexploration

 

Nichts wird dem Menschen geschenkt, er muß sich auch um seine eigene Identität bemühen. Er wird nicht mit Bewußtsein geboren, nur mit der prinzipiellen Möglichkeit, Bewußtsein zu erwerben. Dies ist ein langer, im Detail lebenslanger Prozeß. Dieser Prozeß des Aufbaus der eigenen Identität geschieht durch Exploration. Indem ich die Welt erkunde, exploriere ich auch mich selbst in dieser Welt. So kommt zu der Weltexploration eine Selbstexploration.

 


 

Aktualgenese des Affekts zum Ich-Bewußtsein

 

Selbstexploration wird immer dann nötig, wenn eine neue Erfahrung zu machen ist, so wie sie im Kasten „Aktualgenese des Affekts zum Ich-Bewußtsein“ als Prozeß aufgezeigt wird.

Aktualgenese des Affekts zum Ich-Bewußtsein

 


1.     Wahrnehmung der Veränderung eines physiologischen Zustandes:

     z.B. Hunger, Sicherheitsbedürfnis, Bedrohung, Kränkung, Anerkennung

2. Bewertung der Veränderung eines physiologischen Zustandes

3. spezifisches Ausdrucksverhalten in Mimik, Gestik, Vokalisation

4. Handlungsbereitschaften z.B. Suchverhalten bei Hunger

                                                  Fluchtreaktion bei Bedrohung

                                               Angriff bei Kränkung

                                               Hinwendung bei Anerkennung

5. Wahrnehmung dieses Geschehens

6. Bewertung dieser Erfahrung: dem Organismus förderlich oder nicht?

7. Verknüpfung dieser Erfahrung, ihrer Bewertung, sowie der Empfindung, selbst beteiligt zu sein

8. Interpretation dieses Geschehen, (Symbolisierung, Bezeichnung, Verbalisierung)

    z.B. "Ich habe Hunger!“ (kognitive Fassung des Affektes: Gefühle)

9. Ausdruck dieses Geschehens zur Einflußnahme auf die soziale Umwelt

10. Erfahren der sozialen Rückmeldungen

11. Erfahren der sozialen Wechselwirkung

12. Selbstexploration: Integration der Erfahrung des Selbst im sozialen Feld

13. Empfindung, Teil des Ganzen zu sein

14. Erfahrung von Kontinuität, Identität und Lebendigkeit

15. Differenzierung durch Verfeinerung der Wahrnehmung (Selbst-Empathie)

16. Gewahrwerden des Prozesses des Ich-Bewusstseins: Selbstreflexivität.

 


Dieser Prozeß der Selbstexploration zum Selbstbewußtsein bedarf also immer neuer Erfahrungen. Ohne neue andere, also fremde Erfahrungen geschieht nichts Neues für das Eigene, bleibt es bei einer Stagnation.

 

 

Ontogenese des Selbstkonzepts

 

Die Aktualgenese des Affekts zur Selbstreflexivität setzt voraus, daß es die Person ein Selbstkonzept besitzt, mit dem die neue Erfahrung in Interaktion tritt. Was aber geschieht, wenn dieses Selbstkonzept noch nicht gebildet wurde? Im Prinzip geschieht das Gleiche, jedoch tritt an der Stelle der Interaktion mit dem eigenen Selbstkonzept die Interaktion mit der Mutter oder was immer als Mutter (Bindungsperson) zur Stelle ist, wie es Kasten „Ontogenese des Selbskonzepts“ zeigt.


 

 

Ontogenese des Selbskonzepts

(Unterschiede zwischen Ontogenese und Aktualgenese sind fett markiert)

 


1.     Wahrnehmung der Veränderung eines physiologischen Zustandes:

z.B. Hunger, Sicherheitsbedürfnis, Bedrohung, Kränkung, Anerkennung

2.  Bewertung der Veränderung eines physiologischen Zustandes

3.  spezifisches Ausdrucksverhalten in Mimik, Gestik, Vokalisation

     angeboren: Freude, Interesse, Erstaunen, Schmerz, Ekel, Wut, Angst

4.  Handlungsbereitschaften z.B. Suchverhalten bei Hunger

                                                  Fluchtreaktion bei Bedrohung

                                               Angriff bei Kränkung

                                               Zuwendung bei Anerkennung

5.  Wahrnehmung dieses Geschehens

6.  Bewertung dieser Erfahrung: dem Organismus förderlich oder nicht?

7.  Verknüpfung dieser Erfahrung, ihrer Bewertung

     sowie der (Empfindung) Rückmeldung, selbst beteiligt zu sein:

                            Entwicklung des Körperselbst

8.  (Interpretation) Anerkennung dieses Geschehens durch Bindungsperson

     (Symbolisierung, Bezeichnung, Verbalisierung)

     z.B. "(Ich habe) Du hast Hunger!“ (kognitive Fassung des Affektes)

9. Ausdruck dieses Geschehens zur Einflußnahme auf die soziale Umwelt

10. Erfahren der sozialen Rückmeldungen

11. Erfahren der sozialen Wechselwirkung

12. Selbstexploration: Integration der Erfahrung des Selbst im sozialen Feld

13. Empfindung, Teil des Ganzen zu sein

14. Erfahrung von Kontinuität, Identität und Lebendigkeit

      als System und seine Repräsentation: Selbstkonzept

15. Differenzierung des Selbstkonzepts durch Verfeinerung

     der Wahrnehmung (Selbst-Empathie)

16. Gewahrwerden des Prozesses des Ich-Bewußtseins: Selbstreflexivität.

 

 

 


"Vererbung" von Einfühlungsvermögen

 

Es bedarf also einer einfühlsamen Mutter, so daß es zu einer Prozeßverschränkung, einer sozialen Weitergabe zwischen Mutter und Kind kommt, so wie es Kasten „Empathie-Vererbung“ zeigt.

 Empathie-Vererbung                                                     Zirkel

   Die Mutter muß vergleichsweise selbstkongruent sein:              Die Mutter ist:

          -  selbstanerkennend

         -  Selbstwert schätzend                            

         -  selbst-empathisch                                   

 

   Das befähigt sie zur Anerkennung des Kindes:                       Die Mutter zeigt:

       -  unbedingte Wertschätzung des Kindes                         

       -  Empathie für das Kind.                          

 

Wahrnehmung der Mutter durch das Kind:                                Das Kind erfährt:

 -  Anerkennung     

           -  Wertschätzung

           -  Empathie.                                 

 

   Wirkung auf das inkongruente Kind:                                        Das Kind lernt:

       -  Selbstöffnung als Weg und Ziel                  

       -  Selbstentwicklung mit dem Ziel                

               -  Selbstkongruenz                       

               -  Selbst-Wertschätzung                   

               -  Selbst-Empathie                      

 

Das Kind erhält die gleichen Prozeßmerkmale wie die Mutter:       Das Kind ist:

         -  selbstanerkennend

         -  Selbstwert schätzend                          

         -  selbst-empathisch

 


etc. in der nächsten Generation:                           Das Kind ist später als Mutter

 

 

Dieser Zirkel zeigt anschaulich den Prozeß der sozialen Vererbung: Emotionale Gesundheit, gekennzeichnet durch Offenheit des Selbstkonzepts, wird familiär, nämlich über die Bindungsperson, weitergegeben. 

 

 

Integration und Schärfung von Differenzbewußtsein

 

Das Verarbeiten des Fremden geschieht auf zwei Ebenen:

·        Aufbau der Identität durch Integration neuer Erfahrungen

·        Schärfung der Identität durch Differenzbewußtsein.

 

Das Fremde macht uns doppelt identisch mit uns selbst. Einmal: Wir verstehen, wie dargelegt, im Fremden uns selbst durch die Integration (integratio = Vollständigkeit) des Neuen in unser eigenes Selbstkonzept. Zum Anderen schärft das Fremde den Blick für das Eigene auch dann, wenn wir es nicht integrieren. Zum Beispiel: „Reisen bildet!“ Wir verstehen unsere eigene Kultur besser, wenn wir andere Kulturen gesehen, erlebt haben und die wahrgenommenen Differenzen mit der eigenen Kultur verstehen. Es ist die erlebte Andersartigkeit meines Gegenübers, die mich im Kontrast mich selbst schärfer wahrnehmen, die Konturen deutlicher werden läßt. Der Kontrast bleibt und ermöglicht eine bessere Sicht von mir, eine erweiterte Identifikation mit mir selbst. Auch wenn diese Differenz als Kontrast bleibt: Sie ängstigt nicht.

 

Einige neue Erfahrungen bleiben nicht fremd, sondern werden integriert in das eigene Selbstkonzept, werden verstanden als ein neues Stück von mir selbst. Ich verstehe mich selbst besser, wenn ich meinen Nächsten verstehe: Der andere ist ein Spiegel für mich, in dem ich mich erkenne, besser verstehe. Das Lernen am Modell erlaubt die Übernahme von Erfahrungen in mein Verhaltensrepertoire und in mein Selbstkonzept, sofern es meinen Werten entspricht.

 

Auch Lesen bildet! Die Identifikation mit einem - zunächst fremden - Helden, der mir verständnisvoll näher gebracht wird, verbessert mein Verständnis für mich selbst. Die Identifikation mit dem Helden ist zugleich eine Identifikation mit mir selbst. Der Kontrast wird verarbeitet, das Verständnis für mich selbst wächst, mein Selbstbild reift, das ehemals Fremde wird das Eigene. Dies ist das Prinzip der Bibliotherapie.

 

In beiden Fällen, gleichgültig, ob der Kontrast durch eine Integration aufgehoben wird oder in einer Konturierung erhalten bleibt, das Fremde ist nicht nur hilfreich, es ist notwendig, denn es gibt keinen anderen Weg der Identifikation mit sich selbst, keinen anderen Weg des Wachstums. Der Unterschied zwischen einem Kind und einen Erwachsenen besteht nur punktuell. Beide benötigen ein Gegenüber, ein Du, den Anderen. Allerdings ist es dem Erwachsenen möglich, sich im Selbstgespräch, oder Gott im Gebet als Partner zu nutzen. Ein Kind muß das erst lernen, und um das zu lernen, bedarf es des realen Partners.

 

 

Selbstdefinition durch Negation muß scheitern

 


Die Schärfung des Profils der eigenen Kontur durch Abgrenzung vom Anderen birgt Gefahren, wenn diese Konturierung des Kontrastes nur durch Negation geschieht und nicht versucht wird, Erfahrungen positiv zu integrieren. Schließlich sind nur solche Erfahrungen zu integrieren, die tatsächlich erlebbar sind, als Selbsterfahrungen positiv vorliegen, und nur so mit dem Selbstkonzept verknüpft werden können. Als einziges die Erfahrung zu machen "Ich bin anders!", ist problematisch. Ein Anderssein macht nur Sinn, wenn jemand weiß, was oder wer er tatsächlich ist.

 

Immerhin bleibt, wenn auch zunächst erstaunt, festzuhalten, daß das Fremde für manchen so wichtig für das Eigene ist, daß er sich darüber zu definieren versucht: Ich bin nicht freundlich, nicht berechtigt, nicht gefragt, nicht gütig, nicht blöde, nicht verrückt, nicht schuldig.

 

Eine negative Selbstdefinition bleibt immer abstrakt. Erleben können wir nur das, was wirklich positiv gegeben ist. Dieser Umstand kann bis zum Komischen strapaziert werden: Ein mürrischer Kunde beschwert sich "Verdammt, gibt es hier im 2. Stock keine Hüte?" - "Hier gibt es keine Schuhe! Keine Hüte gibt es im 3. Stock!"

 

Es bleibt eine Definition des Selbstbildes durch Negation  immer zweischneidig, denn die Negation („Ich bin nicht schnell!") definiert eine Identität nicht. Was bin ich, wenn nicht schnell: langsam? ausdauernd? gründlich? oder besonnen? Die Frage bleibt offen, eine Identitätsfindung bleibt verschwommen. So gibt eine Selbstbildbeschreibung „Ich bin langsam!“ durch die erlebbare Qualität mehr Sicherheit als „Ich bin nicht schnell“.

 

Es ist überhaupt die persönliche und sinnliche Erfahrung, die darüber entscheidet, ob ich den Kontrast zum Fremden integrativ aufheben kann, das Fremde als Konturierung des Eigenen akzeptieren kann, oder ob das Fremde als Negation fremd und ängstigend bleibt. Eine Negation bleibt immer fremd, und erst in der Therapie wird es möglich, negative Selbstdefinitionen positiv zu fassen, also das Fremde zu integrieren. So läßt sich beispielhaft beobachten: aus „nicht freundlich“ wird „direkt“ oder „ehrlich“, aus „nicht gefragt“ wird „unbequem“ oder „schüchtern“, aus „nicht gütig“ wird „verärgert“ oder „rachsüchtig“, aus „nicht verrückt“ wird  „sonderlich“ oder „normal“, aus „nicht gut“ wird „gut genug“ oder amoralisch“, aus „nicht blöd“ wird „gescheit“ oder gerissen“, aus „nicht schuldig“ wird verantwortlich“ oder „berechtigt“, aus „nicht berechtigt“ wird „bevormundet“ oder „hilflos“ ....

 

 

Dualismus Explorations- und Sicherheitsbedürfnis

 

Das Explorationsbedürfnis ist der zutiefst menschliche und angeborene Wunsch, sich der Welt, dem Neuen, damit Fremden zu nähern, um es zu verstehen, um es zu integrieren in die eigene Welt- und Selbstsicht. Selbstexploration, die Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen in das Selbstbild, ist der Versuch, das Fremde auch in sich zu verstehen, um es in das eigene Selbstkonzept zu integrieren. Neugier auf die Welt (Exploration), sich selbst eingeschlossen (Selbstexploration), ist ein angeborenes Bedürfnis. Exploration und Selbstexploration sind unabdingbare Gegebenheiten menschlichen Seins. Sie sind die Voraussetzung, die Welt zu verstehen und sich selbst in dieser Welt. Sie sind Grundlage der eigenen Identität.

 

Dem Explorationsbedürfnis steht ein anderes Bedürfnis zur Seite  -  oder auch entgegen: Das Bedürfnis nach Sicherheit. In der Hierarchie menschlicher Bedürfnisse (von den biologischen Bedürfnissen über soziale und Selbstaktualisierungsbedürfnisse bis zu Bedürfnissen nach Transzendenz) steht das Explorationsbedürfnis, die Neugier über dem Sicherheitsbedürfnis. Das bedeutet, daß das Explorationsbedürfnis nur dann zum Tragen kommt, wenn das Sicherheitsbedürfnis befriedigt ist. Da nun aber die Neugier die Sicherheit gefährdet, kann die Neugier nicht grenzenlos sein, und umgekehrt wird der Mensch nur dann neugierig und versucht, in die Welt zu gehen, wenn das nicht verletzend ist und genügend Sicherheit gegeben ist.

 

Kinder lehren es uns am deutlichsten. Wir sehen sie am Rockschoß der Mutter hängen und neugierig in die Welt schauen, das Neue und Fremde suchend. Und gehen sie dann in die Welt, gibt es einen häufigen Blick zurück, ob die Sicherheit spendende Mutter noch da ist. Tut es dann in der Welt draußen weh, oder wird die Sicherheit fraglich, dann geht es zurück zur tröstenden Mutter – bis es dort zwar sicher ist, aber dann auch wieder langweilig wird. Und je größer das Vertrauen ist, desto leichter geht es wieder ab in die Welt, sie zu erforschen.

 

Aber wehe den Menschen, die in ihrer Kindheit diese fundamentale Sicherheit nicht erhalten haben. Sie sind gefährdet: Ohne Urvertrauen wächst Mißtrauen und Angst. Ihr Explorationsbedürfnis kommt nur verstümmelt zum Tragen. Die Angst und die Suche nach Selbsterhaltung verhindern Selbstexploration, Selbstentfaltung. Auf das Spannungsverhältnis von Selbsterhaltung und Selbstentfaltung komme ich zurück. Hier bleibt festzuhalten, daß das Fremde nur dann lockt, wenn genügend Sicherheit besteht. Umgekehrt steht zu vermuten, daß die Angst vor dem Fremden ein frustriertes Sicherheitsbedürfnis zur Grundlage hat.

 

 

Sicherheit und Neugier führen zu Wachstum

 

Im Falle persönlicher Sicherheit kommt es zur Selbstexploration, damit zur Selbstentfaltung. Dann ist das Fremde Lust und dient dem eigenen Wachstum. Es lebe der kleine und große Unterschied! Der Fremde als das Neue wird als Partner gesehen und genutzt. Am deutlichsten wird es in der Entwicklung der geschlechtlichen Identität. Es ist die Frau, die den Mann zum Mann macht, der sonst Macho bliebe, pubertär, und vice versa.

 

Jedoch, in den Himmel wachsen die Bäume nicht! Man kann sich darauf verlassen: Je größer das Risiko, desto interessanter werden Sicherheiten: Bausparverträge, Lebensversicherungen, Studium, nicht zu vergessen Eifersucht und Kontrollbedürfnisse!

 

 

Die Langweiligkeit des Eigenen ist drängendes Potential

 

Andererseits gilt: Je mehr Sicherheit, desto größer die Langeweile. Und aus der Langeweile erwachsen Bedürfnisse zu handeln. Das Bleiben in der Sicherheit des Eigenen wird zum Gefängnis der Langweile. Die Bedürfnisse zu handeln wachsen, die Neugier stachelt, das Fremde wird wieder attraktiv. Grüne Witwen entwickeln Phantasie, aus der Sicherheit wieder das Abenteuer zu erfahren.

 

 

Exkurs Wahlkampf 1998: Über Innovation und Angst

 

Unter diesem Gesichtspunkt ist der Wahlslogan der CDU "Sicherheit statt Risiko" problematisch gewesen. Er geht von den Ängsten der Menschen aus, die in ihrer Verunsicherung Neues, Riskantes, Fremdes scheuen. Wo aber bleibt die Innovation? Weiter hätte der Slogan "Sicherheit und Risiko!" geführt. Die SPD, bekannt dafür, daß sie im Prinzip ebenfalls auf Sicherheit, Festhalten, und Risikovermeidung setzt, führte ihren Wahlkampf dieses Mal mit „Wir sind bereit!“ und „Wir wollen den Wechsel!“, also mit der anderen Seite der Medaille, mit der Lust auf das Neue, auch Fremde. Die FDP warb mit Freiheit und Innovation. Mag sein, daß das unsicheren Menschen Angst macht und nur die Verantwortungsträger, also eine Minderheit, anspricht. (Immerhin wirbt die CDU nach ihrer Wahlniederlage mit: "Wir nehmen die Herausforderung an.")

 

 

Bedrohungen führen zu Fehlentwicklungen

 

Mangelhafte Sicherheit führt notwendigerweise zur Angst, ist mit ihr identisch. Das Fremde wird nicht mehr gesucht, sondern gefürchtet: Und es bleibt nicht bei der Angst, denn Angst ist feig, unmännlich, und muß kompensiert werden. So kommt es zum Angstbeißer, der mit Haß und Angriff seine Unsicherheit, sein mangelhaftes Bewußtsein von sich und seinen frustrierten Bedürfnissen zu kompensieren versucht. Rechtsradikale Gruppen und ihr Terrorismus sind ein Muster dieser Struktur, und Beobachtungen in ihrer Szene belegen es: Arbeitslosigkeit, Gefühle der Minderwertigkeit und Unsicherheit, Zukunftsängste, Orientierungslosigkeit und gewöhnlich eine schwierige Kindheit sind die Grundlage für gewalttätiges Außenseitertum. Nur die entsprechende Gruppe mit einer entsprechenden Ideologie bietet beides: einerseits Sicherheit durch Orientierung, gemeinsame Ziele, Werte und Anerkennung, Also eine Ideologie, und andererseits Befriedigung des Bedürfnisses nach Risiko, Aufregung, Tätigkeit und Erleben, Selbstbestätigung, nämlich gemeinsame aggressive Aktionen gegen den vermeintlichen Feind.

 

Diese Dynamik verdeutlicht, was dieser Angstbeißer braucht: neben der Sicherheit auch eine Identität, die ihm erlaubt, sich selbst als eigenständig zu erleben. Erst diese Eigenständigkeit gibt Sicherheit und könnte ihm helfen, das Fremde als Bereicherung zu erleben, nicht als Bedrohung.

 

 

Fremdenhaß und seine Überwindung

 

Fremdenangst ist zu verstehen. Es sind Menschen betroffen, die ein mangelhaftes Urvertrauen haben und/oder akut verunsichert sind. Der auf dieser Fremdenangst beruhende Fremdenhaß ist der Versuch einer Lösung. Wenn Angst und Unsicherheit nicht wahrgenommen werden können oder nicht gezeigt werden dürfen, gerät der Mensch in Streß, aus dem es nur eine Lösung zu geben scheint: Fremdenfeindlichkeit, gar Gewalt gegen Fremde oder Fremdes. Unglücklicherweise werden fremdenfeindliche Handlungen tatsächlich als Lösung empfunden, denn sie geben Sicherheit. Und Sicherheit ist genau das, woran es eben mangelt, was gesucht wird. Fremdenfeindlichkeit in der Gemeinschaft, verbrämt mit einer Ideologie, die dies rechtfertigt, ist wie ein Mutterschoß, der Geborgenheit bietet und in diesem sicheren Rahmen das Risiko sucht. Außerhalb dieses Mutterschoßes, allein auf sich gestellt, wird Fremdenfeindlichkeit zwar erlebt, aber nicht als Fremdenhaß ausgelebt.

 

Hinzu kommt wie dargelegt: Mangelnde Sicherheit behindert das Explorationssystem, also Neugier, Begegnung, Wachstum. Ein erzwungener Kontakt erzeugt so Angst. Die Angst greift das Selbstwertgefühl an. Die Suche nach einer Lösung, nach einer Verminderung der Angst und einer Erhöhung des Selbstwertgefühls, liegt im Bedürfnis nach Sicherheit und im Kampf. Rechtsextreme Gruppen bieten beides. Ihr Zulauf ist abhängig von der Persönlichkeitsstruktur der Mitglieder (mangelhaftes Urvertrauen) und den aktuellen Umständen (Unsicherheit durch Arbeitslosigkeit, Selbstwertprobleme, unverstandener gesellschaftlicher Wandel). Direkte Interventionsmöglichkeiten sind gering: sie würden zunächst als fremd und bedrohlich erlebt und den status quo damit eher verfestigen. Prophylaxe ist notwendig: Verminderung aktueller Bedrohung für die gegenwärtige Generation und Sorgen für Sicherheit für die nächste Generation.

 

 

Aggressivität und andere Gefährdungen

 

Neben der aggressiven Abgrenzung gegen das Fremde auf Grund erlebter Bedrohung gibt es andere emotionale Versuche, die Bedrohung durch das Fremde zu vermeiden: Verschmelzung, Trotz und Verwöhnung.

 

Verschmelzung ist der Versuch, sich mit dem Anderen zu identifizieren, um sich der Bedrohung zu entziehen. Diese Identifizierung beruht nicht auf eigenen Erfahrungen und ist darum potentiell falsch. Der Wunsch nach Verschmelzung mit dem Partner ist eine Selbstaufgabe. Ehen können daran kranken, denn Verschmelzung, oberflächlich betrachtet harmonisch erscheinend, verhindert eigenes Wachstum und behindert damit auch das Wachstum des Gegenübers. Die Partnerschaft wird labilisiert, Aggressionen, erst unterschwellig, werden wahrscheinlich.

 

Trotz ist der Versuch, das Eigene vor dem Fremden zu retten und im Kern gesund. Zu eine Gefährdung wird es dann, wenn er aus Prinzip benutzt wird, nicht aus wirklich eigenen Bedürfnissen. Er bedeutet dann eine Gegenabhängigkeit, die zwar so aussieht wie eine Unabhängigkeit, jedoch keine ist und nicht gesund genannt werden kann. Gegenabhängigkeit ist der Versuch der Unabhängigkeit auf Kosten des Eigenen, das verraten wird.

 

Verwöhnung, sowohl erbettelt durch Ängstlichkeit und demonstrative Schutzbedürftigkeit oder durch eine fordernde Vorwurfshaltung, als auch freiwillig von einem fürsorglichen Gegenüber erhaltene (aus welchen Gründen auch immer), bietet zwar Schutz und Sicherheit, verhindert aber die Herausforderung, die nötig ist, um die Welt wirklich zu erobern. Wenn alle Bedürfnisse erfüllt werden, bevor sie recht in das Bewußtsein treten, fehlt die Spannung, um gern in die Welt zu gehen. Das Fremde bleibt fremd, kann nicht für das Eigene genutzt werden, Wachstumschancen werden vertan.

 

 

Exkurs: Ein Sachse in Bayern, oder: Fremd ist immer der andere

 

Ich spreche aus eigener Erfahrung: Ich selbst bin in Bayern in der Fremde. Der mir fremde Dialekt und die bayerische Kultur machen mir zwar keine Angst, so daß ich Bayern nicht hassen muß. Und doch spüre ich Verunsicherung und reagiere manches mal mit Spott auf typisch Bayerisches. Umgekehrt ist das Phänomen nicht weniger interessant: Ich werde als Fremder von manchem Bayern als Bedrohung erlebt. Und zugleich gibt es auch Identitätsfindung. Indem ich als Preuße bezeichnet werde, habe ich meine Identität, obgleich aus dem Rheinland kommend, als Sachse gefunden. Andererseits weiß ich, daß ich manchen Bayern mit meiner Art, so zu sein, wie ich bin, verblüffe. Diese geweckte Neugier eröffnet Chancen auf beiden Seiten

 

Dieser Zirkel ist typisch: Fremd sein ist ein interaktiver, symmetrischer Prozeß. Fremde, die sich gegenseitig als andersartig empfinden, neigen dazu, die Gegensätze überzubewerten. Im Extremen bedeutet dies, daß Fremdenhaß Fremdenhaß gebiert. Beide Seiten sind die Fremden und bieten dem Anderen vermehrten Grund, die Gegensätze weiter zu vertiefen. Aber sobald es Ansätze von Verstehen gibt, so beginnt ein gegenläufiger Prozeß: Beide Seiten können sich gegenseitig bereichern.

 

 

Durch Sicherheit und Neugier zur Eigenständigkeit

 

Die gegenseitige Bedingtheit, die scheinbare Inkompatibilität von Sicherheitsbedürfnissen einerseits und Neugier auf das Fremde andererseits entspricht der Verschränkung von Selbsterhaltung und Selbstentfaltung. Dieses menschliche Bemühen, sich selbsterhaltend zu versichern und selbstgestaltend die Welt (und sich selbst eingeschlossen) zu erobern, erklärt auch, warum sicher gebundene Kinder das Elternhaus leichter verlassen können als unsicher gebundene, die dazu neigen, zu kleben, zu warten, zu hoffen  -  wenn sie nicht schon vorher unter Protest geflohen, ausgerissen oder in die innere Emigration abgewandert sind.

 

Es ist ein Trugschluß zu glauben, daß man Kindern Selbständigkeit vermitteln kann, indem man sie in die Welt, in die Fremde schickt. Der sichere und menschliche Weg ist, das Kind zu versichern, ihm Urvertrauen zu ermöglichen, und ihm dann erlauben zu gehen, wann immer es bereit ist und selbst will. Und es wird gehen!  Ein gesundes Kind wird um so eher gehen, je sicherer es sich fühlt. Die Fremde erscheint auf sicherer Grundlage weniger bedrohlich und lockt.

 

Umgekehrt gibt es Kinder, die nicht gehen wollen, den Abschied vermeiden, weil sie Sicherheit nur mangelhaft erleben. Ihre Ängstlichkeit läßt sie zu Hause verharren. Ihnen den Weg in die Welt zu erleichtern, von ihnen eigenständige Entscheidungen zu erwarten, bedeutet die Anstrengung, sie zu versichern, ihre organismischen Bedürfnisse zu verstehen, zu achten, zu würdigen, und - wenn möglich - zu befriedigen. Das gibt ihnen die Chance der Reifung, damit des Abschieds. So ist der Abschied der Beginn des Neuen: die Herausforderung durch das Fremde für das Eigene.

 

 

Kontakt und Begegnung ist Bedingung für Wachstum

 

Abschied bedeutet nicht zwangsläufig Trennung, Abschied bedeutet hier eine andere Form des Kontakts, einen Kontakt, der den Anderen als etwas Eigenes gelten läßt. Kontakt ist das Bindeglied und zugleich die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Kontakt ist Wahrnehmung, Abgrenzung und Austausch. Hier ist die Auseinandersetzung zwischen mir und der Welt, die Begegnung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, hier spielt sich das Leben ab: ohne Kontakt kein Leben, kein Wachstum. Begegnung ist die Arbeit an sich, am Selbstkonzept, am Eigenen, durch den Austausch mit dem Anderen, dem Fremden. Immer ist das Fremde beteiligt, es ist Anlaß und Nahrung für den eigenen Wachstumsprozeß. Ohne das Fremde verkümmert das Eigene. Um die Begegnung nicht zur Konfrontation verkommen zu lassen, ist es im Anblick des Fremden nötig, den Dialog zu wagen, statt im Disput zu verharren: Im Disput will man gewinnen, im Dialog geschieht etwas Neues. Der Gewinn jedoch ist nur marginal und trennt, das Neue bedeutet Wachstum.

 

 

Das Fremde in uns entspricht der Angst vor dem Anderen

 

Wie dargelegt: die Angst vor dem Fremden betrifft nicht nur das Fremde draußen, sondern auch das Fremde im Menschen selbst. Da wir nur über das Fremde lernen, das aber nur schaffen, wenn wir genügend Sicherheit haben, das Fremde wirklich zu verarbeiten, d.h. ins eigene Selbstkonzept zu integrieren, laufen wir Gefahr, daß es dann als etwas Fremdes in uns wohnt, vor dem wir ebenfalls Angst haben müssen. So ist es auch die Angst vor dem eigenen Fremden in uns, vor den eigenen Abgründen, vor den abgewehrten Erfahrungen, die unsere Sicherheit bedrohen. Schließlich ist überhaupt jede Angst eine Angst vor dem Fremden, gleich ob es von außen oder von innen wahrgenommen wird.

 

Unsere Beziehung zum Fremden gestaltet sich nach jeweils einem gleichen Muster, unabhängig davon, was das Fremde im Moment ist: Der Fremde im Ausland, im Nachbarn, im Partner, in mir. Diese Unterscheidung von außen und innen ist künstlich. Schon Epiktet wußte, daß nicht die Welt selbst ängstigt, sondern die Vorstellung von ihr. Genaugenommen ist es die Beziehung zu dieser Vorstellung. Immer ist die Angst ein Konstrukt, gleich, ob sie mehr oder weniger auf Erfahrungen beruht. Es wird gewöhnlich so sein, daß sowohl das eigene Fremde wie die fremde Welt gleichzeitig abgewehrt werden müssen. Die Abwehr des äußeren Fremden ist immer auch eine Abwehr eigener fremder, unverstandener Erfahrungen. Wirklich frei ist nur der Mensch, der sich Beidem öffnen kann, sich seiner selbst genügend sicher ist, und sich damit eine Chance gibt, sich zu entwickeln: seine Ansicht von sich, von der Welt und von sich in der Welt.

 

 

Inkongruenz und die Abwehr des Fremden

 

Es ist deutlich geworden, daß die Entwicklung des Eigenen unabdingbar und notwendigerweise abhängig ist von der Integration des Fremden in das Selbstkonzept, und daß ohne diese Integration des Fremden die Entwicklung des Eigenen, jegliches Wachstum, die Selbstentfaltung, scheitert. Dieses nicht-integrierte Fremde wird im Klientenzentrierten Konzept verstanden als Selbst-Inkongruenz, nämlich als Inkongruenz zwischen Selbst und Erfahrung, zwischen dem, was wir für unser Eigenes halten, und dem, wie wir uns, unsere Gefühle und unser Verhalten in Interaktion mit uns selbst und mit der Außenwelt erleben. Diese Inkongruenz, die wir als Spannung, gar Angst erleben, ist der Wegweiser für die Arbeit am Selbst, ist die Grundlage der Selbstexploration und bedeutet die Öffnung für das Fremde im Selbstkonzept. Am Ende dieser Entwicklung steht die Selbstkongruenz der Person, die autonom und angstfrei, ja neugierig und offen das Fremde erlebt und frei entscheidet: Was ist wirklich das Meine, entspricht meinen wirklichen Bedürfnissen und Werten, und was kann ich beim Anderen lassen, ohne es abwehren und entwerten zu müssen. Die volle Wertschätzung des Eigenen umfaßt die Wertschätzung auch des Fremden.

 

 

Grundlegende Literatur

 

Physiologie:

Schmidt, R.F. & Thews, G. (Hrsg.) (1995). Physiologie des Menschen. Berlin: Springer

Wahrnehmungspsychologie:

Goldstein, E.B. (1997). Wahrnehmung. Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft

 

Erkenntnistheorie:

Vollmer, G. (1983). Evolutionäre Erkenntnistheorie, Stuttgart: Hirzel

 

Statistik:

Bortz, J. (1993). Statistik für Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer

Soziobiologie und Genetik:

Barash, D. (1981). Das Flüstern in uns – Ursprung und Entwicklung menschlichen Verhaltens.

 

Identitätsentwicklung:

Biermann-Ratjen, E.-M. et al. (1995). Gesprächspsychotherapie – Verändern durch Verstehen. Stuttgart: Kohlhammer

 

Selbstexploration, Wachstum und Ontogenese des Selbskonzepts :

Rogers, C.R. (1973). Entwicklung der Persönlichkeit. Stuttgart: Klett

 

Theorie der Bedürfnisse:

Maslow, A. (1981). Motivation und Persönlichkeit. Reinbek: Rowohlt

 

Bindungstheorie:

Bowlby, J. (1975). Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. München: Kindler

 

Gesprächspsychotherapie:

Eckert, J. (1996). Gesprächspsychotherapie. In: Reimer, Ch. et al. Psychotherapie. Berlin: Springer. pp 124 - 192

 

Gestalttherapie:

Perls, F. (1976). Grundlagen der Gestalt-Therapie. München: Pfeiffer

 

 

Anschrift des Verfassers:                   Prof. Dr. Klaus Heinerth, Universität München

                                               Leopoldstraße 13, D 80802 München

                                               EMail:  Heinerth @ T-Online.de

 

20. April 1999